Armutssensibilität in Sprache und Praxis stärkt Teilhabe
Für viele Menschen gehören Armut und in der Folge Ernährungsarmut zur Lebensrealität. Wie Fachkräfte und Akteure Stigmatisierung vermeiden und strukturelle Hürden abbauen können, war Thema einer Online-Veranstaltung des Zentrums für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN). Die Botschaft: Armutssensibilität ist grundlegender Bestandteil professionellen Handelns.
Die Online-Veranstaltung mit über 100 Teilnehmenden fand im Rahmen der Aktivitäten des ZEHN zum „Fokusheft Ernährungsarmut“ statt. Mit dem Fokusheft führt ZEHN im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die niedersächsische Ernährungsstrategie fort und nennt darin zentrale Handlungsempfehlungen, in denen die Verpflegung in Kitas und Schulen eine maßgebliche Rolle spielen. In Niedersachsen sind etwa 17 % der Bevölkerung armutsgefährdet. Einige Personengruppen sind besonders stark betroffen, darunter Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Alleinerziehende und Mehrkindfamilien.
Was ist Armutssensibilität?
Im Umgang mit Betroffenen und in der Konzeption von Maßnahmen zur Prävention und zur Bekämpfung von Armutsfolgen ist eine armutssensible Haltung maßgebend. Sie fordert Mitarbeitende und Verantwortliche in Fachinstitutionen aber auch Multiplikator*innen und Ehrenamtliche auf, die eigene Haltung zu reflektieren, gewohnte Kommunikationsmuster zu hinterfragen und Strukturen kritisch zu überprüfen. Wie sich das umsetzen und verankern lässt, zeigten zwei Praxisbeispiele auf.
Armutsfolgen sind strukturell bedingt
Claire Horst vom Projekt MitWirkung – Perspektiven für Familien Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. unterstützt Berliner Verwaltungen dabei, Kindern in Armutslagen ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Kinderarmut resultiere immer aus Familienarmut, so die Expertin, und diese sei nicht selbstverschuldet, sondern strukturell verursacht. Für die meisten Kinder und Jugendlichen hat Armut langfristige und meist lebenslange Folgen. In der Armutsprävention darf der Blick auf Betroffene aber nicht defizitär sein, die Herstellung von Chancengleichheit ist gesetzlich verankert, erklärt Claire Horst. Handlungsleitend sind das Grundgesetz, die Sozialgesetzbücher und die UN-Kinderrechtskonvention.
Können alle mit…? Präventionskette der Stadt Barsinghausen
Welche Strategie zur Armutsprävention die Stadt Barsinghausen im Landkreis Hannover gefunden hat, stellte René Beck, Koordinator der dortigen Präventionskette vor. Die Ausgangslage in der 35.000 Einwohner*innen-Stadt hat die Verantwortlichen 2021 ins Handeln gebracht: Etwa 20 % der Kinder und Jugendlichen waren armutsbetroffen, es gab zu wenig Kita-Betreuungsplätze und einen hohen Unterstützungsbedarf von Familien in benachteiligten Lebenslagen. Die Startchancen betroffener Kinder waren schlecht, so René Beck rückblickend. Auch zeigten Schuleingangsuntersuchungen besondere Entwicklungsbedarfe. Per Ratsbeschluss brachte Barsinghausen strukturelle Verbesserungen auf den Weg, zum Beispiel:
- Kita-Plätze werden sozialraum-orientiert nach einem Punktesystem vergeben, so dass alle Kinder wohnortnah untergebracht werden können. Die stadtweite Platzkapazität liegt bewusst bei 105 %, um ungeplante Mehrbedarfe (z. B. Zuzug) abdecken zu können.
- Die Budgetierung der Kitas wurde in einem partizipativen Prozess und abschließend per Richtlinie neu aufgestellt, so dass auch Kosten für zusätzliche Angebote in den Kitas (z. B. Frühstück) über den städtischen Haushalt finanziert werden. Der Ansatz ermöglicht die Teilhabe für alle Kinder ohne versteckte Kosten für Eltern. Die städtischen Mittel sind dadurch nicht explodiert, vielmehr nachvollziehbarer geworden.
- Qualifizierung der Fachkräfte in der Kinderbetreuung mit 6-monatiger Fortbildungsreihe zur Entwicklung einer armutssensiblen Haltung, um strukturelle Veränderungsprozesse anzuschieben.
Dreiklang aus Wissen, Haltung und Handlung
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass es eine auskömmliche Grundlagenfinanzierung in den jeweiligen Lebenslagen braucht, um Armut aktiv zu bekämpfen und Armutsfolgen abzumildern. Nicht alles müsse für alle kostenlos sein, doch brauche es einen Dreiklang aus Wissen, Haltung und Handlung, um wirksame und nachhaltige Veränderungen zu bewirken.
Quelle
- ZEHN: Fokusheft Ernährungsarmut: Armutssensibilität als Grundhaltung – Sprache und Praxis bewusst gestalten
Weiterführende Informationen
- Projekt MitWirkung – Perspektiven für Familien Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V.
- Stadt Barsinghausen Prävention Frühe Hilfen