Wer sparen will, muss in Kita- und Schulessen investieren
Welche langfristigen Folgen hat es, wenn Kindern ausreichende Ressourcen und gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten fehlen? Ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft untersucht die ökonomischen Effekte von Deprivation bei Kindern und Jugendlichen. Transferleistungen allein reichen nicht aus, um Kinderarmut zu überwinden, so die Fachleute. Ergänzend braucht es Angebote wie Schulfrühstück und Mittagessen, die Kinder unabhängig von ihrer sozialen Lage erreichen.
Das Gutachten „Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wurde im Auftrag des Deutschen Komitees für UNICEF veröffentlicht. Das IW hat untersucht, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn Kindern wichtige materielle und soziale Ressourcen für ihre Entwicklung und Teilhabe fehlen.
Kinderarmut geht über finanzielle Notlagen hinaus
In ihrem Gutachten bewerten die Fachleute des IW Deprivation nicht nur materiell, sondern sie berücksichtigen ein umfassenderes Verständnis von Kinderarmut, das Bedürfnisse nach sozialen Beziehungen, Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden einschließt. Werden diese Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt, liegt das nicht zwangsläufig an fehlenden finanziellen Mitteln, so das IW. Auch der Bildungshintergrund der Eltern und das familiäre Umfeld spielen dafür eine Rolle. Wird Deprivation in diesem Sinne bewertet, waren nach Berechnungen der Autor*innen 2021 rund 25,2 Prozent der Kinder in Deutschland betroffen. Der EU-Indikator (EU-SILC), der ausschließlich finanzielle Ursachen von Deprivation erfasst, weist für 2024 einen Anteil von 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen aus.
Ökonomische Folgen von Kinderarmut
Erleben Kinder und Jugendliche eine ungünstige Entwicklung in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Sozialisation, kann das langfristig einen sehr negativen Effekt für die öffentlichen Haushalte haben, so das Gutachten. Für materiell deprivierte Kinder liegt der langfristige Fiskalbeitrag – also der finanzielle Beitrag, den Menschen im Laufe ihres Lebens etwa durch Steuern und Sozialabgaben zum Staatshaushalt beitragen – um 216.500 Euro niedriger als für die nicht deprivierten Kinder. Als ursächlich hierfür nennt das Gutachten unter anderem Bildungsabbrüche, die Entwicklung eines ungünstigen gesundheitlichen Lebensstils (z. B. kein regelmäßiger Konsum von Obst und Gemüse, keine regelmäßigen sportlichen Aktivitäten) und insgesamt ein ungünstigeres Lebensumfeld der betroffenen Kinder und nicht nur die materielle Deprivation an sich.
Staatliche Leistungen allein reichen nicht aus
Das IW zieht daraus den Schluss, dass finanzielle Unterstützung allein Deprivation nicht nachhaltig überwinden kann. In seinen Handlungsmöglichkeiten empfiehlt das IW drei Wege:
- finanzielle Unterstützung der Familien,
- direkte Angebote für Kinder und Jugendliche wie Kita- und Schulessen sowie
- die Begleitung und Unterstützung der Eltern im Familienalltag.
Staatliche Leistungen könnten etwa eine gesundheitsförderliche Ernährung der Kinder nicht sicherstellen, wenn es den Eltern aufgrund vielfältiger Belastungen schwerfalle, regelmäßig ausgewogene Mahlzeiten vorzubereiten. Deshalb seien direkte kompensatorische Angebote für die Kinder und Jugendlichen wichtig, wie beispielsweise ein von Kita und Schule bereitgestelltes Frühstück und Mittagessen. Derartige Angebote könnten sehr viel zielgerichteter wirken als eine (pauschale) finanzielle Unterstützung der Familien, so ein Fazit.
Bundeskongress: Gute Kita- und Schulverpflegung macht gesundes Aufwachsen gerechter
Wie sozial gerechtes, partizipatives und resilientes Kita- und Schulessen umgesetzt werden kann, hat jüngst der Bundeskongress Kita- und Schulverpflegung in Berlin aufgezeigt. Für eine gesunde Ernährung von Kindern und Jugendlichen stehen Politik und Gesellschaft in der Verantwortung. Es braucht strukturelle Lösungen, die das Recht von Kindern auf gesundes Aufwachsen stärken und Kita- und Schulessen als wichtigen Anker für mehr Chancengerechtigkeit nutzt.
„Wer sparen will, muss in Kita- und Schulessen investieren.“
Mehr Rückblick zum Bundeskongress Kita- und Schulverpflegung.