Kinder die zusammen an einem Tisch Kischen essen
Quelle: Fotolia Robert Kneschke

Stefan Luther, Abteilungsleiter Frühe und schulische Bildung im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Interview zu den Aufgaben der Geschäftsstelle Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter im BMBFSFJ, zum Umsetzungsstand des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen und zum Stellenwert von Schulverpflegung im Ganztag.

Welche Aufgaben hat das BMBFSFJ im Bereich Ganztag?

Im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist die Geschäftsstelle Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter angesiedelt. Sie verantwortet insbesondere zwei zentrale Aufgabenbereiche: Zum einen verwaltet sie das Investitionsprogramm für den Ganztagsausbau mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Euro. Damit werden die Länder dabei unterstützt, den Ganztag sowohl quantitativ als auch qualitativ weiterzuentwickeln. Zum anderen begleiten wir den fachlichen und bildungspolitischen Diskurs darüber, wie Ganztagsangebote kindgerecht und qualitativ hochwertig gestaltet werden können. Hierzu organisieren wir Fachveranstaltungen, vergeben Forschungsaufträge und engagieren uns intensiv in der Bund-Länder-Zusammenarbeit. Insbesondere die Bildungsforschung liefert dabei wichtige Erkenntnisse für die Qualitätsentwicklung und die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte im Ganztag.

Welche Schwerpunkte verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?

Mit dem Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote sind zwei zentrale gesellschaftliche Ziele verbunden: Zum einen geht es darum, mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen und allen Kindern gute Bildungs- und Entwicklungschancen zu ermöglichen. Zum anderen ist eine verlässliche und kindgerechte Betreuung entscheidend, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – insbesondere für Mütter – zu verbessern. Dabei arbeiten wir eng mit Ländern und Kommunen zusammen. 

Was kennzeichnet einen gelungenen Ganztag?

Die Kultusministerkonferenz hat gemeinsam mit der Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder Empfehlungen zur pädagogischen Qualität im Ganztag erarbeitet. Ein zentrales Merkmal gelingender Ganztagsangebote ist die enge Kooperation zwischen Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe – auf allen Ebenen. Dazu gehören beispielsweise die direkte Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams sowie die Kooperation aller am Ganztag beteiligten Institutionen und Akteure. Darüber hinaus sind kindgerechte Konzepte, eine durchdachte Zeit- und Raumgestaltung sowie eine qualitativ hochwertige Verpflegung wesentliche Bestandteile eines guten Ganztagsangebots. 

Die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz sind richtungsweisend aber nicht bindend. Haben Sie Möglichkeiten auf die Länder einzuwirken, sich daran zu orientieren?

Nein, das entspricht der föderalen Aufgabenverteilung in Bildungsfragen zwischen Bund und Ländern. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung ist im Sozialgesetzbuch VIII verankert, also im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, in dem der Bund den gesetzlichen Rahmen vorgibt. Die konkrete Ausgestaltung liegt jedoch bei den Ländern und Kommunen sowie insbesondere bei Schulen und Horten vor Ort. Auf Bundesebene fördern wir den fachlichen Austausch, begleiten die Entwicklungen wissenschaftlich und koordinieren dort, wo dies sinnvoll und erforderlich ist. Bundesweit verbindliche Qualitätsstandards bestehen nicht. 

Wären Standards nicht hilfreich?

Die pädagogische und konzeptionelle Ausgestaltung des Ganztags ist stark von den jeweiligen lokalen Rahmenbedingungen und Trägerstrukturen abhängig. Gerade darin liegt eine wichtige Stärke: Fachliche Schwerpunkte und Kompetenzen können entsprechend der Situation vor Ort eingebracht werden. Abhängig von den Interessen der Kinder, den Wünschen der Eltern, den Kompetenzen des Personals und den Ressourcen im Sozialraum können so pädagogisch stimmige Angebote entwickelt und umgesetzt werden. Der Bund setzt hierbei insbesondere über die Bildungsforschung wichtige Impulse – etwa durch das Projekt „Wissenschaftsgeleiteter Qualitätsdialog zum Ganztag“, in dem Handlungswissen gebündelt und veröffentlicht wurde. Darüber hinaus wurde ein Qualifizierungskonzept für Personal im Ganztag ohne pädagogische Ausbildung entwickelt. Bildungsforschung trägt hier maßgeblich dazu bei, praxisnahe Erkenntnisse bereitzustellen und Qualitätsentwicklung wissenschaftlich zu begleiten.

In diesem Jahr tritt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen in Kraft. Wie bewerten Sie den Umsetzungsstand in den Ländern?

Der Ausbau befindet sich insgesamt auf einem sehr guten Weg. Nach Einschätzung der Länder wird ein weitgehend bedarfsdeckendes Angebot zur Verfügung stehen. Gleichzeitig beobachten wir deutliche regionale Unterschiede – sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der Kommunen. Ziel ist ein bedarfsorientiertes Angebot, nicht zwingend ein Platz für jedes einzelne Kind. Entscheidend ist vielmehr, die konkreten Bedarfe von Familien vor Ort sorgfältig zu berücksichtigen. Insgesamt sehen wir positive Entwicklungen, auch wenn weiterhin Ausbau- und Entwicklungsbedarfe bestehen. Über den Ausbaustand und die prognostizierten Bedarfe berichtet die Bundesregierung jährlich im sogenannten GaFöG-Bericht an den Deutschen Bundestag. Die Daten zeigen deutlich, dass sich die Lücke zwischen Bedarf und vorhandenem Platzangebot in den vergangenen Jahren kontinuierlich verringert hat.

Der Endspurt bis zum Beginn des Rechtsanspruchs hat begonnen. Kann es noch gelingen, diese Lücke zu schließen?

Unsere Datenlage ist nicht so präzise, dass wir beispielsweise konkrete Aussagen über einzelne Kommunen treffen könnten. Den tatsächlichen Bedarf kennen vor allem die Kommunen selbst. In einigen Bundesländern bestehen bereits seit vielen Jahren weitgehend bedarfsdeckende Angebote, während andere Länder noch größere und regional unterschiedlich ausgeprägte Ausbaubedarfe aufweisen. Zugleich tritt der Rechtsanspruch stufenweise in Kraft – zunächst für Kinder der ersten Klassen. Dadurch kann und wird der Ausbau in den kommenden Jahren weiter voranschreiten.

Welche Rolle messen Sie der Schulverpflegung im Ganztag bei?

Die Schulverpflegung ist ein zentrales Element eines gelungenen Ganztags. Wenn Kinder einen Großteil ihres Tages in Schule oder Hort verbringen, benötigen sie ein qualitativ hochwertiges und ausgewogenes Essensangebot. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Verpflegungskonzepte besonders erfolgreich sind, wenn sie integraler Bestandteil des pädagogischen Ganztagskonzepts sind – und nicht lediglich als organisatorische Zusatzaufgabe verstanden werden. 

Was braucht es dafür, dass Schulen Verpflegung in ihre Ganztagskonzepte einbinden?

Zunächst braucht es ein gemeinsames Bewusstsein dafür, dass Verpflegung eine wesentliche Rolle im Ganztag spielt. Darüber hinaus sind ausreichende zeitliche Ressourcen sowie eine Verpflegungsform erforderlich, die zur jeweiligen Einrichtung passt. Die Mittagszeit sollte nicht als Unterbrechung zwischen Vor- und Nachmittag verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil des Ganztagskonzepts. Gemeinschaftliche Mahlzeiten leisten einen wichtigen Beitrag zum sozialen Lernen und zum Wohlbefinden der Kinder leisten.

Was macht für Sie eine gelungene Schulverpflegung aus?

Letztlich müssen die Kinder selbst beurteilen, ob Schulverpflegung gelungen ist. Wenn ihnen das Essen schmeckt und sie die Mahlzeiten gerne einnehmen, ist bereits viel erreicht. Entscheidend ist daher ein partizipativer Ansatz, der es der gesamten Schulgemeinschaft ermöglicht, Qualität gemeinsam zu entwickeln. Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bieten hierfür eine wichtige Grundlage. Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Akzeptanz von Schulverpflegung steigt, wenn Kinder aktiv in die Gestaltung einbezogen werden.

Würden Sie an Schulen appellieren, Kinder und Eltern stärker einzubinden?

Tatsächlich empfiehlt auch die Kultusministerkonferenz und die DGE ausdrücklich, die Partizipation von Kindern im Ganztag zu stärken. Kinder sollten aktiv an der Gestaltung von Zeit, Räumen und Angeboten beteiligt werden. Gerade bei der Schulverpflegung zeigt sich, dass Angebote deutlich besser angenommen werden, wenn Kinder mitbestimmen können. Eltern sollten zugleich entlastet werden. Viele alltägliche Entscheidungen können Kinder selbst gut treffen, wenn die entsprechenden Beteiligungsprozesse sinnvoll gestaltet sind. Partizipation hat eine hohe Bedeutung für Motivation, Selbstwirksamkeit und die Qualität ganztägiger Bildungsangebote.

Welche Maßnahmen braucht es bis zum Beginn des Rechtsanspruchs noch, um für eine gute Schulverpflegung zu sorgen?

Ein erheblicher Teil der Investitionsmittel des Bundes wird für den Bau und die Ausstattung von Mensen verwendet. Nach unseren Erkenntnissen fließt etwa ein Drittel der Mittel in diesen Bereich. Das zeigt, dass viele Schulträger die Verpflegung als zentralen Bestandteil eines gelungenen Ganztags betrachten. Diese Entwicklung ist ausdrücklich zu begrüßen. Entscheidend ist jedoch, dass infrastrukturelle Maßnahmen mit einer pädagogischen und konzeptionellen Weiterentwicklung verbunden werden und die gesamte Schulgemeinschaft in diesen Prozess einbezogen wird.

Welche strukturellen Voraussetzungen braucht es für einen gelingenden Ganztag?

Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung hat der Bund den entscheidenden Impuls für einen bedarfsdeckenden Ausbau gesetzt und unterstützt Länder und Kommunen dabei dauerhaft auch finanziell. Vor dem Hintergrund der zusätzlichen Belastungen durch die stufenweise Einführung des Rechtsanspruchs entlastet der Bund die Länder ab 2026 schrittweise über höhere Umsatzsteueranteile. Diese Mittel steigen von 135 Millionen Euro im Jahr 2026 bis auf 1,3 Milliarden Euro jährlich ab dem Jahr 2030 an. Neben der finanziellen Ausstattung sind jedoch insbesondere qualifiziertes Personal, gute Kooperationsstrukturen sowie wissenschaftlich fundierte Qualitätsentwicklung entscheidend für einen erfolgreichen Ganztag. 

Wie engagiert sich das BMBFSFJ für die Qualitätsentwicklung in der Schulverpflegung? Was sind zukünftige Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Wir arbeiten eng mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat zusammen und informieren fortlaufend über neue Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse. Insgesamt wird die Qualitätsentwicklung im Ganztag auch künftig ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit bleiben. Dabei ist es wesentlich, Qualitätsmerkmale zu identifizieren und zu implementieren, gute Praxis sichtbar zu machen und die Weiterentwicklung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote wissenschaftlich zu begleiten.

Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview fand im April 2026 statt.