Charlotte Kühnelt, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert Koch-Institut
Das Robert Koch-Institut hat Daten aus Schuleingangsuntersuchungen der Bundesländer in einem Web-Portal gebündelt. Die Daten zeigen, wie häufig Vorschulkinder in Deutschland übergewichtig oder adipös sind. Wir haben mit Charlotte Kühnelt über Nutzen und Aussagekraft der Daten – auch für Kommunen – gesprochen.
Was war Ausgangspunkt für das RKI, die Daten von Schuleingangsuntersuchungen als Datenquelle zu nutzen?
Unser Ausgangspunkt war, dass es aktuell nur wenige bevölkerungsweite Daten zur Übergewichts- und Adipositasprävalenz bei Kindern gibt, die auf Messdaten basieren. Zwar gibt es Datenquellen, doch beruhen diese häufig auf Befragungsdaten, beispielsweise auf Angaben der Eltern. Diese Daten können fehlerbelastet sein, wenn Eltern das Körpergewicht oder die Körpergröße ihrer Kinder über- oder unterschätzen, besonders wenn sich diese im Wachstum befinden. Die Daten der Schuleingangsuntersuchungen (SEU) sind daher besonders wertvoll, weil sie einen wissenschaftlichen Goldstandard liefern: Eine Prävalenz basierend auf Messdaten. Da die Teilnahme an der SEU in Deutschland für Kinder, die in die Schule kommen, verpflichtend ist, handelt es sich um eine Vollerhebung.
Zu welchem Zweck werden Schuleingangsuntersuchungen durchgeführt?
Schuleingangsuntersuchungen werden durchgeführt, um die körperlichen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten von Vorschulkindern für die anstehende Einschulung einzuschätzen und Fördermaßnahmen ggf. frühzeitig einzuleiten. Bei den erhobenen Daten handelt es sich also um Individualdaten, die dann im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung der Länder z. B. auf Landkreisebene aggregiert werden können. Weil die Parameter Körpergröße und Körpergewicht bundesweit vergleichbar erhoben werden und Übergewicht und Adipositas im Kindesalter ein relevantes Gesundheitsproblem ist, haben wir uns damit beschäftigt, die SEU-Daten der Länder zusammenzuführen.
Wie liegen diese Daten vor?
Dieser große Datenschatz lag bis zum Start unseres Projektes zwar auf Landkreisebene zur Auswertung vor, konnte aber nicht für die Gesundheitsberichterstattung des Bundes verwendet werden. Ziel unseres Projektes AdiRaum 2.0 war, die Daten der Länder zusammenzuführen und in einem öffentlich zugänglichen Dashboard zur Verfügung zu stellen. Unser Projekt basiert auf der freiwilligen Zusammenarbeit des RKI mit Vertreter*innen der Gesundheitsberichterstattung der Länder. Uns liegen Daten aus 13 Ländern für Auswertungen vor und 9 Länder gaben uns außerdem die Einwilligung, diese Daten im Dashboard zu veröffentlichen.
Wie haben Sie die Daten ausgewertet?
Für unsere Publikation haben wir auf Landkreis aggregierte Daten von fast 4,3 Millionen Kindern im Alter von 4 bis 7 Jahren ausgewertet. Exemplarisch für das Einschulungsjahr 2019 haben wir die Übergewichts- und Adipositasprävalenzen nach Alter und Geschlecht im Landkreis mit sozialräumlichen Merkmalen der Landkreise verknüpft, die für die Entstehung von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter relevant sind. Wir wollten zum einen wissen, inwieweit die räumliche Umgebung, in denen Kinder leben, mit Übergewicht und Adipositas in Zusammenhang steht. Dazu haben wir die Landkreise je nach Siedlungsstruktur – etwa eher ländlich oder städtisch – kategorisiert. Zum anderen haben wir die Prävalenzen anhand eines Indexes ausgewertet, der die regionale sozioökonomische Benachteiligung in Deutschland darstellt. Für diesen Index werden Daten zu Bildung, Beschäftigung und Einkommen auf Kreisebene dargestellt.
Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?
Es zeigte sich, dass Armut bereits im Kindesalter ein bedeutsamer Risikofaktor für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas ist. Je höher der Grad der sozioökonomischen Benachteiligung in den Kreisen war, desto höher waren auch die Übergewichts- bzw. Adipositasprävalenzen und zwar unabhängig davon, ob die Kinder eher in ländlicheren oder städtischeren Gebieten lebten. Im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2024 ergab sich eine Prävalenz von Übergewicht (inkl. Adipositas) von 10,3 % und für Adipositas von 4,3 %. Dabei zeigten sich die Prävalenzen bis 2019 relativ stabil, danach gab es einen pandemiebedingten Zuwachs. Ab dem Jahr 2024 lagen die Zahlen wieder auf Vor-Pandemie-Niveau.
Wie relevant ist das Dashboard für Public Health-Maßnahmen?
Die Bereitstellung der SEU-Daten der Länder und die Verknüpfung mit kleinräumigen Indikatoren stellen eine Datengrundlage für ein kontinuierliches nahezu bundesweites Monitoring der Übergewichts- und Adipositasprävalenz im Vorschulalter dar. Wir befürworten verschiedene verhältnispräventive Maßnahmen, um die Prävalenzen bereits im Kindesalter zu senken und gesundheitliche Ungleichheiten zu reduzieren. So empfehlen unter anderem auch die WHO und die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten ein Werbeverbot von Marketing, das sich an Kinder richtet, die Etablierung von Qualitätsstandards für die Verpflegung in Kitas und Schulen und eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke. Gleichzeitig denke ich, dass in den Kommunen noch andere Maßnahmen möglich sind.
Welche Maßnahmen sind das?
Den Gesundheitsämtern der Kommunen liegen die Individualdaten der Kinder vor, sodass sie theoretisch bis auf Einrichtungsebene aggregiert werden können. Sie könnten unter anderem sehen, in welchen Gegenden oder Einrichtungen Kinder besonders häufig von Übergewicht oder Adipositas betroffen sind. Sie sind damit in der Lage, sehr gezielt Präventionsmaßnahmen anzusetzen, wie zum Beispiel ergänzende Ernährungsbildungs- oder Bewegungsangebote. Darin liegt eine große Chance. Wenn wir weiterdenken, halte ich es für sinnvoll, dass auch andere kommunale Institutionen und Ämter diese Daten etwa in die Planung einer gesundheitsgerechten Stadt einbeziehen. Eine weitere Möglichkeit des Dashboards besteht darin, dass die Daten auf Landkreisebene zum Erfahrungsaustausch anregen können. Zum Beispiel könnten sich Landkreise, die sich in Siedlungsstruktur und Soziodemografie ähneln, aber unterschiedliche Prävalenzen aufzeigen, über ihre Präventionsmaßnahmen austauschen. Wir haben mit diesem Projekt einen Beitrag für diesen Austausch geleistet.
Lässt sich das Dashboard für das Monitoring um weitere Gesundheitsdaten ergänzen, beispielsweise für die Kita- und Schulverpflegung?
In unserem Projekt interessieren wir uns vor allem für Übergewicht und Adipositas und deren Einflussfaktoren, da sie bereits im Kindesalter die Entwicklung chronischer Krankheiten im Lebensverlauf begünstigen. Da die Daten für diesen Indikator in den Ländern vergleichbar erhoben werden, ist ein Monitoring dieser Daten auch über die Ländergrenzen hinweg möglich. Inwiefern weitere vergleichbare Daten aus den SEU vorliegen, dazu stehen wir im Austausch mit den Ländern.
Wie bewerten Sie, dass es bundesweit kein einheitliches Vorgehen für die SEU gibt?
Wir haben auf Bundesebene natürlich einen anderen Blick darauf, weil es unser Anliegen ist, Aussagen auf Bevölkerungsebene zu treffen. Das Ziel der SEU ist jedoch zunächst, ein Kind zu untersuchen. Welche weiteren Informationen von den Eltern dazu notwendig sind, da kann jede Kommune ihren Schwerpunkt setzen. Das sind zwei unterschiedliche Blickwinkel, die beide ihre Berechtigung haben. Die Vereinheitlichung der SEU ist ein aufwendiger Aushandlungsprozess auf Kommunal- und Landesebene, an dem wir als Bund nicht beteiligt sind. Wir sehen aber in den Ländern Interesse und erste Entwicklungen in diese Richtung.
Wie werden Sie den Datenpool des Dashboards künftig aktualisieren?
Wir planen, den Datenpool zu aktualisieren, sind dabei aber auf die Zuarbeit der Länder angewiesen. Um auch die weißen Flecken auf der Karte füllen, benötigen wir von möglichst allen Ländern die Daten und die Zustimmung zur Veröffentlichung. Das würde die Aussagekraft der Daten stärken. Möglicherweise spielt uns hier perspektivisch der Europäische Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space Regulation, EHDS) in die Karten, der für eine bessere Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten in der EU sorgen soll. Der EHDS schafft einen Rechtsrahmen, der die kontrollierte und sichere Nachnutzung von Gesundheitsdaten – auch aus öffentlich finanzierten Einrichtungen – für die Forschung ermöglicht.
Was sind nächste Schritte im Projekt AdiRaum 2.0?
Die Veröffentlichung des Dashboards war ein sehr großer Meilenstein im Projekt. In den nächsten Monaten haben wir vor, mit Vertreter*innen der verschiedenen Ebenen dieser Datenkette aus Kommunen, Ländern und Bund ins Gespräch zu kommen, um ein Konzept für eine kontinuierliche digitale Übermittlung der SEU-Daten von den Ländern an das RKI zu erarbeiten.
Zum Dashboard AdiRaum 2.0
Kontakt
Robert Koch-Institut
Charlotte Kühnelt
kuehneltc@rki.de